Sonntag, 23. Oktober 2016

Muttersprache

Neulich bin ich über dieses kleine Gedicht von Hoffman von Fallersleben (1798 - 1874) gestolpert:
Ist das Deutsch schon so verdorben,
Daß man's kaum noch schreiben kann?
Oder ist es ausgestorben,
Daß man's spricht nur dann und wann?

Oder habet ihr vernommen,
Daß es bald zu Ende geht?
Daß die Zeiten nächstens kommen,
wo kein Mensch mehr deutsch versteht?
Jedes Denkmal wird frisieret
von der Philologen Hand,
Und so haben Sie beschmieret
Erz und Stein und Tisch und Wand.

Wo man hinschaut, strotzt und glozet
Eine Inschrift in Latein,
Die sich trotzig hat schmarotzet
In das Denkmal mit hinein.

Deutsches Volk, du musst studieren
Und vor allem das Latein,
Niemals kannst du sonst capieren
Was dein eigner Ruhm soll sein!

Wenn man "Latein" mit "Englisch" und die "Philologen" mit "fast jeder" ersetzt, könnte es glatt aus unserer Zeit stammen...

Der starke Gebrauch des Englischen im Deutschen ist ja nichts Neues, aber irgendwie habe ich manchmal das Gefühl, dass etwas nur dann "cool" - oder schlimmer: richtig und gut - ist, wenn es auf Englisch (oder - Hilfe! - Denglish) ist.  Man sehe sich nur mal die Werbung an, oder wie es in deutschen Firmen zugeht - Corporate Culture ...

Um es ganz klar zu sagen: Ich habe nicht die geringsten nationalistischen Tendenzen! Und ich habe überhaupt nichts gegen Englisch, im Gegenteil, ich finde die Sprache wunderschön, und das hat nichts mit meinem Beruf zu tun. Manche Dinge lassen sich auf Englisch einfacher, prägnanter, ja, schöner ausdrücken. Aber: das Gleiche gilt auch für das Deutsche! Nur sind es da halt andere Dinge, die sich einfacher, prägnanter und schöner ausdrücken lassen. Genauso wie im Spanischen, Französischen und so weiter.
Das hat nichts mit cool, richtig oder gut und alles mit der Kultur und Geschichte einer Sprachgruppe zu tun. Und genau das macht uns ja alle so wunderbar einzigartig.

Deswegen finde ich, dass wir Menschen unsere Muttersprache nicht vergessen oder gar verleugnen sollten, sondern sie mit Lust und Leidenschaft anwenden. (Und das hat auch wieder gar nichts damit zu tun, wie ich über die Mitglieder anderer Sprachgruppen denke.)
Ich finde die sprachliche Vielfalt wunderschön und spannend, was nicht zuletzt ein Grund dafür ist, dass ich mit Leib und Seele Sprachmittler bin. Diese Vielfalt sollten wir Menschen uns unbedingt behalten, auch und gerade in einer immer globalisierteren Welt!
Oder wie seht ihr das so?

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