Donnerstag, 25. August 2016

Sind Dolmetscher zu teuer oder zu billig?

Wolfgang Steinhauer hat Anfang des Jahres auf LinkedIn einen sehr guten und leicht nachvollziehbaren Beitrag dazu geschrieben, wie sich das Honorar von Dolmetschern zusammen setzt. Das kann ich so uneingeschränkt unterschreiben - und teilen!

Es herrscht ja eine große Kontroverse darüber, was ein Dolmetscher kosten darf und sollte. Daher möchte ich heute einmal Licht ins Dunkel bringen und anhand von ein paar Beispielen Aufwand und Kosten gegeneinander aufrechnen.

Kurzeinsatz 1h (Pressekonferenz, Präsentation)

Sagen wir, es geht um eine Pressekonferenz. Sie dauert nicht länger als 1 Stunde, oft auch nur 30 bis 45 Minuten, wenn die zu verhörenden Manager oder Sportler noch andere Termine haben. Ein Dolmetscher, da es sich um eine PK mit Sprechern und Presse aus verschiedenen Ländern handelt. Der Dolmetscher oder die Dolmetscherin ist schnell gefunden und verlangt dafür 400 EUR. Ist das zu teuer oder zu billig?

Arbeit + ...

Recherche: Üblicherweise muss man sich auf Einsätze vorbereiten, das erfordert immer Recherche. Ein Dolmetscher macht ja nicht jeden Tag genau dasselbe beim selben Unternehmen wie die meisten festangestellten Mitarbeiter. Wenn es sich um ein neues Fachgebiet oder einen neuen Kunden handelt, dann ist dieser Rechercheaufwand relativ hoch, wir sprechen hier etwa von einem halben Tag.
Wenn wir mit dem Kunden und dem Thema schon vertraut sind, würden etwa 2 Stunden anfallen. Die Recherche umfasst die aktuellen Neuigkeiten, evtl. wertvolle Kommentare von Journalisten und alles, was seit dem letzten Einsatz passiert ist. Bei Events, wo Gäste aus verschiedenen Ländern anwesend sind, muss man beispielsweise die Recherche in den verschiedenen Sprachen durchführen, also die entsprechenden Publikationen aus anderen Ländern miteinbeziehen. Immerhin wird in verschiedenen Ländern auf verschiedene Dinge wert gelegt, andere werden dagegen oft komplett ausgelassen.
Anfahrt: Dann haben wir die Anfahrt, was in den meisten Fällen 1 Stunde ist, manchmal sogar mehr. (Wer wohnt schon 10 Minuten von einem Dutzend seiner wichtigsten Kunden entfernt?) Hier sollte man die Rückfahrt nicht vergessen.
Verzögerungen + Briefing: Oft werden kleinere Termine wie Pressekonferenzen, Interviews mit Politikern oder Beiträge für das Fernsehen auch kurzfristig verschoben. Daher sollte man noch mit einer Stunde Verzögerungen planen. Darüber hinaus ist man ja als Profi schon 45 bis 60 Minuten vor dem Einsatz für das Briefing und die letzten Instruktionen vor Ort.
Die eigentliche Arbeit: Schließlich findet unser Event statt und dauert etwa 1 Stunde. Danach findet oft noch eine Nachbesprechung statt, die wir hier aber einmal der Einfachheit halber weglassen wollen.
Nachbereitung: Zuhause angekommen, folgt noch die Nachbereitung. Diese beinhaltet Glossarpflege, festhalten, was man hätte besser machen können, Lösungen für eventuell aufgetretene Probleme finden, sich den verdolmetschten Beitrag noch einmal ansehen und bewerten, Buchhaltung. Die entdeckten Schwachstellen sollten dann auch abgestellt werden, was nochmal durchschnittlich mit 1 Stunde Übung zu Buche schlägt. Eigentlich müssten wir hier noch die nicht-spezifische Vor- und Nachbereitung nennen. Damit sind allgemeine Fortbildungen in den Fachgebieten gemeint, Stimmtraining, technische Grundlagen, Büromanagement, ergänzende Sprachen oder Fachgebiete lernen, in den Arbeitssprachen auf dem Laufenden bleiben. Alles in allem müsste man eigentlich nochmal 2 Stunden addieren, aber da diese nichts mit dem eigentlichen Auftrag zu tun haben, wollen wir die hier mal weglassen.
Und hier ist das auftragsbezogene Ergebnis:
Vorbereitung
2 h
Anfahrt + Rückfahrt
2 h
Briefing
1 h
Verzögerung
1 h
Arbeit
1 h
Nachbereitung, Buchführung
2 h
Gesamte Arbeitszeit
9 h
Hier wird auch klar, warum so ein Einsatz von „nur einer Stunde“ so viel kostet. Die Leute, die den Dolmetscher buchen, wissen das meistens nicht und denken sich nur „Wenn ich 400 EUR die Stunde kriegen würde...“.
Wenn wir jetzt den Stundenlohn anhand von drei geläufigen  Tarifen ausrechnen, dann kommen wir zu folgenden Ergebnissen:
300 EUR : 9 h =
     400 EUR : 9 h =
     450 EUR : 9 h =
33 EUR/h
     44 EUR/h
     50 EUR/h
Wenn ich daran denke, dass mein Automechaniker 60 EUR/h verlangt und an den Ersatzteilen noch zusätzlich verdient, dann frage ich mich, warum alle den Dolmetscher so teuer finden. Gehen wir zum nächsten Rechenbeispiel über.

Tagessatz (Konferenz, Produktpräsentation)

In diesem Fall haben wir es mit einer längeren Arbeitszeit und mehr Vorbereitungsaufwand zu tun.
Vorbereitung
8
Anfahrt + Rückfahrt
2
Briefing
1
Arbeit
8
Nachbereitung
2
Gesamte Arbeitszeit
21 h
Hier ergeben sich folgende Stundensätze:
500 EUR : 21 h =
     700 EUR : 21 h =
     900 EUR : 21 h =
23,80 EUR/h
     33 EUR/h
     42,85 EUR/h
Eine zweitägige Konferenz macht in diesem Fall kaum einen Unterschied, da die Vorbereitung der einzige Posten ist, bei dem Einsparungen möglich wären. Sollte die Konferenz weiter weg stattfinden, dann würden noch zusätzliche Kosten für die Anfahrt, Hotel und Spesen anfallen.
Um zum Vergleich mit dem Automechaniker zurückzukommen: Wenn ein Mechaniker einen Hausbesuch macht, dann kostet das auch mehr als 42,85 EUR pro Stunde, oder?

Der springende Punkt

Dann stellt sich noch die Frage, wie viel Verantwortung Sie ihrem Dolmetscher übertragen, welchen Schwierigkeitsgrad und welche Bedeutung dem Event zukommt und ob Sie jemandem, mit dem der Erfolg einer Veranstaltung steht und fällt, tatsächlich nur 33 EUR pro Stunde zahlen wollen.
Ich hoffe, ich konnte mit dieser Aufschlüsselung etwas Licht ins Dunkel bringen und hoffe, damit auch einen Teil zur Verständigung zwischen Auftraggeber und Dienstleister gegeben zu haben.

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