Freitag, 25. Oktober 2013

Zweisprachigkeit



Es ist schon eine Weile her, dass ich diesen interessanten Artikel über Zweisprachigkeit von Francois Grosjean gelesen habe, der das Thema von einer anderen Seite beleuchtet, aber als ich anfing zu unterrichten, kam das Thema quasi schon in der ersten Stunde zur Sprache. Meine Schüler dachten natürlich, dass Zweisprachigkeit begehrenswert ist, und dass Klassenkameraden, die zweisprachig aufgewachsen sind, einen unfairen Vorteil haben.

Nun, wie und wo wir aufwachsen beeinflusst unseren Werdegang natürlich, aber ich denke es gibt „unfairere“ Kinderstuben, die einen weitaus größeren Einfluss haben, wie zum Beispiel der soziale Status der Eltern, deren monatliches Einkommen, das soziale Umfeld, Bildung etc. Aber das ist wieder ein ganz anderes Thema, auf das ich hier jetzt nicht näher eingehen möchte.
Zweisprachigkeit hingegen ist, was den Beruf des Übersetzers und Dolmetscher betrifft, meiner Meinung nach nicht unbedingt ein Vorteil. Denn es kommt immer darauf an, wie gut man die betreffenden Sprachen beherrscht, wie aktiv man sie benutzt, in welcher Sprache man welche Schule besucht hat, in welchem Land man aufgewachsen ist, wie gut (oder eben nicht) die Sprache (sowohl was die Grammatik als auch was den Wortschatz betrifft) der Eltern ist, usw.
In meiner Ausbildungsklasse waren auch ein paar „Zweisprachler“ (ein Elternteil war nicht deutscher Muttersprachler), aber waren sie deswegen die besseren Übersetzer und Dolmetscher? Nein. Im Gegenteil, bei manchen war ihre zweisprachige Erziehung sogar eher hinderlich, da sie zuhause eine Mischung beider Sprachen verwendeten und weder die eine noch die andere wirklich gut (also auf dem zum Übersetzen und Dolmetschen notwendigen Niveau) beherrschten.
Es ist kein Geheimnis, dass nur, weil jemand zwei Sprachen spricht, diese Person nicht automatisch ein guter Übersetzer oder Dolmetscher ist. Es gehört so viel mehr dazu als nur die Sprache, die man natürlich beherrschen sollte, aber das ist eben nicht alleine ausschlaggebend für die letztendliche Qualität der Übersetzungs- bzw. Dolmetschleistung. 

Ich vertrete die Ansicht, dass man alle Sprachen, mit denen man arbeiten möchte, so gut beherrschen sollte, dass sowohl der Ausgangstext absolut korrekt verstanden wird als auch der Zieltext den Inhalt so wieder gibt, dass man nicht merkt, dass es sich um eine Übersetzung handelt. (Für das Dolmetschen gilt dies selbstverständlich ebenso, wenn auch leicht abgewandelt.) Und dazu reicht die Zweisprachigkeit alleine eben nicht. 
Und das wiederum sollte (nicht nur) meinen Schülern Mut machen, denn diese übersetzerischen und sprachlichen Fähigkeiten kann man lernen.

1 Kommentar:

  1. Liebe Frau Betz,

    falls Sie irgendwann vorhaben, mit mir gemeinsam ein Buch bzw. Sammlung an Artikeln über bilingualismus und Fremdsprachenerwerb zu schreiben, stehe ich Ihnen gerne jederzeit zur Verfügung.

    liebste grüße

    Elena

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