Donnerstag, 25. August 2016

Sind Dolmetscher zu teuer oder zu billig?

Wolfgang Steinhauer hat Anfang des Jahres auf LinkedIn einen sehr guten und leicht nachvollziehbaren Beitrag dazu geschrieben, wie sich das Honorar von Dolmetschern zusammen setzt. Das kann ich so uneingeschränkt unterschreiben - und teilen!

Es herrscht ja eine große Kontroverse darüber, was ein Dolmetscher kosten darf und sollte. Daher möchte ich heute einmal Licht ins Dunkel bringen und anhand von ein paar Beispielen Aufwand und Kosten gegeneinander aufrechnen.

Kurzeinsatz 1h (Pressekonferenz, Präsentation)

Sagen wir, es geht um eine Pressekonferenz. Sie dauert nicht länger als 1 Stunde, oft auch nur 30 bis 45 Minuten, wenn die zu verhörenden Manager oder Sportler noch andere Termine haben. Ein Dolmetscher, da es sich um eine PK mit Sprechern und Presse aus verschiedenen Ländern handelt. Der Dolmetscher oder die Dolmetscherin ist schnell gefunden und verlangt dafür 400 EUR. Ist das zu teuer oder zu billig?

Arbeit + ...

Recherche: Üblicherweise muss man sich auf Einsätze vorbereiten, das erfordert immer Recherche. Ein Dolmetscher macht ja nicht jeden Tag genau dasselbe beim selben Unternehmen wie die meisten festangestellten Mitarbeiter. Wenn es sich um ein neues Fachgebiet oder einen neuen Kunden handelt, dann ist dieser Rechercheaufwand relativ hoch, wir sprechen hier etwa von einem halben Tag.
Wenn wir mit dem Kunden und dem Thema schon vertraut sind, würden etwa 2 Stunden anfallen. Die Recherche umfasst die aktuellen Neuigkeiten, evtl. wertvolle Kommentare von Journalisten und alles, was seit dem letzten Einsatz passiert ist. Bei Events, wo Gäste aus verschiedenen Ländern anwesend sind, muss man beispielsweise die Recherche in den verschiedenen Sprachen durchführen, also die entsprechenden Publikationen aus anderen Ländern miteinbeziehen. Immerhin wird in verschiedenen Ländern auf verschiedene Dinge wert gelegt, andere werden dagegen oft komplett ausgelassen.
Anfahrt: Dann haben wir die Anfahrt, was in den meisten Fällen 1 Stunde ist, manchmal sogar mehr. (Wer wohnt schon 10 Minuten von einem Dutzend seiner wichtigsten Kunden entfernt?) Hier sollte man die Rückfahrt nicht vergessen.
Verzögerungen + Briefing: Oft werden kleinere Termine wie Pressekonferenzen, Interviews mit Politikern oder Beiträge für das Fernsehen auch kurzfristig verschoben. Daher sollte man noch mit einer Stunde Verzögerungen planen. Darüber hinaus ist man ja als Profi schon 45 bis 60 Minuten vor dem Einsatz für das Briefing und die letzten Instruktionen vor Ort.
Die eigentliche Arbeit: Schließlich findet unser Event statt und dauert etwa 1 Stunde. Danach findet oft noch eine Nachbesprechung statt, die wir hier aber einmal der Einfachheit halber weglassen wollen.
Nachbereitung: Zuhause angekommen, folgt noch die Nachbereitung. Diese beinhaltet Glossarpflege, festhalten, was man hätte besser machen können, Lösungen für eventuell aufgetretene Probleme finden, sich den verdolmetschten Beitrag noch einmal ansehen und bewerten, Buchhaltung. Die entdeckten Schwachstellen sollten dann auch abgestellt werden, was nochmal durchschnittlich mit 1 Stunde Übung zu Buche schlägt. Eigentlich müssten wir hier noch die nicht-spezifische Vor- und Nachbereitung nennen. Damit sind allgemeine Fortbildungen in den Fachgebieten gemeint, Stimmtraining, technische Grundlagen, Büromanagement, ergänzende Sprachen oder Fachgebiete lernen, in den Arbeitssprachen auf dem Laufenden bleiben. Alles in allem müsste man eigentlich nochmal 2 Stunden addieren, aber da diese nichts mit dem eigentlichen Auftrag zu tun haben, wollen wir die hier mal weglassen.
Und hier ist das auftragsbezogene Ergebnis:
Vorbereitung
2 h
Anfahrt + Rückfahrt
2 h
Briefing
1 h
Verzögerung
1 h
Arbeit
1 h
Nachbereitung, Buchführung
2 h
Gesamte Arbeitszeit
9 h
Hier wird auch klar, warum so ein Einsatz von „nur einer Stunde“ so viel kostet. Die Leute, die den Dolmetscher buchen, wissen das meistens nicht und denken sich nur „Wenn ich 400 EUR die Stunde kriegen würde...“.
Wenn wir jetzt den Stundenlohn anhand von drei geläufigen  Tarifen ausrechnen, dann kommen wir zu folgenden Ergebnissen:
300 EUR : 9 h =
     400 EUR : 9 h =
     450 EUR : 9 h =
33 EUR/h
     44 EUR/h
     50 EUR/h
Wenn ich daran denke, dass mein Automechaniker 60 EUR/h verlangt und an den Ersatzteilen noch zusätzlich verdient, dann frage ich mich, warum alle den Dolmetscher so teuer finden. Gehen wir zum nächsten Rechenbeispiel über.

Tagessatz (Konferenz, Produktpräsentation)

In diesem Fall haben wir es mit einer längeren Arbeitszeit und mehr Vorbereitungsaufwand zu tun.
Vorbereitung
8
Anfahrt + Rückfahrt
2
Briefing
1
Arbeit
8
Nachbereitung
2
Gesamte Arbeitszeit
21 h
Hier ergeben sich folgende Stundensätze:
500 EUR : 21 h =
     700 EUR : 21 h =
     900 EUR : 21 h =
23,80 EUR/h
     33 EUR/h
     42,85 EUR/h
Eine zweitägige Konferenz macht in diesem Fall kaum einen Unterschied, da die Vorbereitung der einzige Posten ist, bei dem Einsparungen möglich wären. Sollte die Konferenz weiter weg stattfinden, dann würden noch zusätzliche Kosten für die Anfahrt, Hotel und Spesen anfallen.
Um zum Vergleich mit dem Automechaniker zurückzukommen: Wenn ein Mechaniker einen Hausbesuch macht, dann kostet das auch mehr als 42,85 EUR pro Stunde, oder?

Der springende Punkt

Dann stellt sich noch die Frage, wie viel Verantwortung Sie ihrem Dolmetscher übertragen, welchen Schwierigkeitsgrad und welche Bedeutung dem Event zukommt und ob Sie jemandem, mit dem der Erfolg einer Veranstaltung steht und fällt, tatsächlich nur 33 EUR pro Stunde zahlen wollen.
Ich hoffe, ich konnte mit dieser Aufschlüsselung etwas Licht ins Dunkel bringen und hoffe, damit auch einen Teil zur Verständigung zwischen Auftraggeber und Dienstleister gegeben zu haben.

Mittwoch, 17. August 2016

Quote of the Week

“Words are, of course, the most powerful drug used by mankind” — R. Kipling

Donnerstag, 11. August 2016

Die Sache mit der Bezahlung

Wer arbeitet. möchte auch dafür entlohnt werden. Und wer selbständig ist, möchte natürlich, dass seine Rechnungen auch bezahlt werden, und zwar vollständig und zum Fälligkeitsdatum, unabhängig davon, in welcher Situation sich der Rechnungsempfänger befindet. Schließlich hat er bekommen, was bestellt wurde, jetzt möchte ich auch meinen Lohn dafür.
Bis jetzt hatte ich das Glück noch immer mein Geld bekommen zu haben - manchmal verspätet und nur auf wiederholtes Nachhaken, aber es wurde noch jede meiner Rechnungen bezahlt.
Ich bin auch ein großer Verfechter der offenen Kommunikation, d.h. ich gehe immer erst mal davon aus, dass es einen logischen Grund gibt, warum meine Rechnung noch nicht beglichen wurde.
In den meisten Fällen ist es tatsächlich auch nur so etwas wie: Rechnung wurde zwischen den vielen übersehen (da evtl. auf Sammelrechnungen umsteigen?), die zuständige Person ist/war krank etc. Manchmal hat der Kunde Probleme mit der Zahlungsmoral seiner Kunden. Das hat zwar zunächst erstmal nichts mit der geschäftlichen Beziehung (und den entsprechenden Verpflichtungen) mit mir zu tun, aber wenn es sich z.B. um einen Kunden handelt, mit dem ich schon jahrelang sehr gut zusammen arbeite, bin ich auch bereit zu warten.
Und natürlich darf man die Konsequenzen nicht vergessen: Normalerweise sollte die Devise sein: einmal und nie wieder! Die Wahrscheinlichkeit, v.a. bei Neukunden, dass sie beim nächsten Mal pünktlich zahlen, ist doch relativ gering, und so groß ist meine Gutmütigkeit dann doch nicht...

hat bei Wissenswinkel einen guten Beitrag zum Thema Zahlungsausfälle geschrieben und gibt auch gleich sieben konkrete Tipps, um Zahlungsausfälle schon im Vorfeld zu verhindern.
  1. Gleich zu Beginn des Gesprächs bzw. des schriftlichen Austauschs das Thema Zahlung ansprechen und die Konditionen klar nennen. Dazu gehört nicht nur der Preis. Auch die Zahlungsmodalitäten (Zahlungstermin, -modus usw.) sind wichtig.
  2. Dokumentieren Sie alle geschäftlichen Vorgänge, einschl. der pünktlichen Lieferung. Bitten Sie um eine Eingangsbestätigung, auch wenn sie in Ihrem Mailsystem eine automatische Empfangsbestätigung eingerichtet haben. Manche Empfänger können diese ignorieren und trotzdem Ihre Mail samt Anhang lesen und verarbeiten.
  3. Stellen Sie Rechnungen immer zeitnah, am besten unmittelbar nach der Lieferung/Erbringung der Leistung. Zu empfehlen ist für die Zusendung der Rechnung eine separate Mail mit Betreff „Rechnung Übersetzungsleistung“, damit diese ggf. gleich an die Buchhaltung weitergeleitet wird. Wird die Rechnung gleich mit der fertiggestellten Übersetzung geliefert, befasst sich der Kunde erst einmal mit seinem Text und vergisst möglicherweise, die Rechnung weiterzuleiten, bzw. denkt erst einige Tage später daran.
    Erwähnen Sie in der Begleitmail zur Rechnung, dass die Begleichung unabhängig von etwaigen Nachbesserungsansprüchen seinerseits und -rechten Ihrerseits erfolgt (vgl. Schuldrechtsreform zum 1. Januar 2002, § 437 Nr. 1 BGB, § 439 BGB sowie § 634 Nr. 1, § 635 BGB).
  4. Prüfen Sie bei Neukunden die Bonität. Das können Sie entweder über eine Wirtschaftsauskunftei (z.B. Bürgel, Schufa) oder anhand einer entsprechenden Selbstauskunft Ihres Geschäftspartners durchführen. Neukunden, die keine Kontaktdaten zur Verfügung stellen oder aber deren angegebene Postanschrift offensichtlich nicht existiert, sollten vorsichtshalber abgelehnt werden.
  5. Prüfen Sie, ob Sie nicht eine Vorauszahlung entweder des Gesamtbetrags oder zumindest der Hälfte des Leistungsbetrags fordern, bevor Sie mit der Arbeit beginnen. Bei Geschäften mit einem besonders großen Auftragsvolumen sind Zwischenzahlungen (Teilzahlungen) entsprechend dem Fortschrittsstand des Projekts durchaus üblich. Schließlich muss Ihre Liquidität gesichert sein.
  6. Überlegen Sie, ob Sie den Fall eines säumigen Zahlers nicht gleich an ein Inkassobüro weitergeben bzw. ob Sie nicht von vornherein eine Vereinbarung mit einem Inkassobüro treffen. Notorische Zahlungsmuffel rechnen häufig damit, dass gerade kleine Unternehmen und erst recht einzelkämpfende Selbstständige vor diesem Schritt zurückschrecken.
  7. Machen Sie den Fehler nicht ein zweites Mal, weil Ihnen der säumige Zahler hoch und heilig verspricht, beim nächsten Mal pünktlich zu zahlen, sondern trennen Sie sich von solchen Kunden. Sie sind ein Ärgernis, sie kosten Zeit, Geld und Nerven. Das muss nicht sein.
Und der beste Tipp von Fr. Chaumien zum Schluss: Vertrauen Sie Ihrem Bauchgefühl!

Dienstag, 2. August 2016

Gotta Love it - Sight Translation

One of the subjects I teach is sight translation. During their last year, translation students have two hours of this per week, one for each direction (German - English and English - German), mainly because it is also part of the oral exam, where they have to sight translate one general and one business text in both directions (which one goes in which direction is a surprise - ha!).
But of course, the real question is: Why is it part of the oral exam at all? It is not easy to do, and often the reason why students fail their exams. So, needless to say, it is also not a favorite subject, particularly into English. But they have to do it.
I came across an article on the blog of Translation Excellence about this giving a good explanation of what it is and why it is important:
Sight translation is a quicker way of translating, especially when an interpreter is already on site for an assignment. It helps both the client and the professional tremendously, and is incredibly demanding for the interpreter, as it is a combination of both translation and interpretation. When done right, it can potentially be very helpful. But as it is not yet its own profession, not all translators and interpreters are capable of doing this, as both these professions value different aspects of languages.
In situations where sight translation could be valuable (courtrooms, hospitals), accuracy greatly outweighs speed. Since the accuracy of the language also comes from intonation, emotion and gestures, an interpreter who is stripped of these resources might feel a bit lost when it comes to sight translation. Furthermore, they might not be as capable of reading the language as quickly, especially for some of the character based Asian languages, since it uses a completely different writing system than most Western languages. By the same logic, a translator might not be as capable of speaking the language, as translation only deals with proper grammar and accuracy on paper instead of in conversation. A translator might have trouble with the pronunciation of the language.
The amalgamation of these two fields presents a challenge even for translation and interpretation professionals. Both professions require different skill sets, and only by truly mastering the original and target languages can a translator or interpreter combine his/her skills in both these fields well enough to become a good sight translator.

Donnerstag, 28. Juli 2016

Sommerlektüre

Der Sommer ist endlich da! Nachdem es nun auch das Wetter eingesehen hat... kann ich mich so langsam richtig auf den Urlaub freuen!
Natürlich darf dabei - zumindest für mich - auch das ein oder andere Buch nicht fehlen (ein Hoch auf den Kindle, dank dessen ich mich nicht schon zuhause entscheiden und Kilo an Papier mit mir rumschleppen muss!).
Auch wenn wir als Übersetzer und Dolmetscher täglich mit Wörtern zu tun haben, scheint es uns in der Mehrzahl doch nicht davon abzuhalten, uns auch in der Freizeit mit ebendiesen zu beschäftigen. Hier sind ein paar Vorschläge von Literaturübersetzern, für alle, deren Sommerlektüre noch nicht feststeht (gefunden auf www.intellectures.de):

Hinrich Schmidt-Henkel

Diesen Sommer möchte ich ein Buch (zum mehrfachten Male wieder-) lesen, ein Buch eines Autors, der auch ein produktiver Übersetzer war: Albert Vigoleis Thelens Die Insel des zweiten Gesichts (Ullstein Buchverlage 2014). Dieser autobiografische Roman, zugleich einer der großen Schelmenromane der Weltliteratur, handelt von den sechs Jahren zwischen 1930 und dem Ausbruch des spanischen Bürgerkriegs, die Thelen und seine Frau auf Mallorca verbrachten, auf einem Mallorca, das halb noch im 19. Jahrhundert lebte, halb ein Sammelsurium kurioser und berühmter Gestalten seiner Zeit war. Hauptfigur ist das Erzählen und die Sprache: Das Buch lebt aus Thelens unglaublicher Kunst des Abschweifens und aus seinem unerschöpflichen Sprachreservoir – eine Lektüre par excellence für alle, die übersetzen oder sonstwie schreiben. Er verwendet alte, untergegangene und neu geschöpfte Wörter en masse und zuhauf. Außerdem ist er ein Universalwissenschaftler (wenn auch im bürgerlichen Sinne eine verkrachte Existenz) und ein großer Ironiker, nicht nur gegenüber den Widrigkeiten des eigenen Daseins, die ihn und Beatrice in die blanke Not treiben, sondern auch gegenüber allem anderen, das Autorität beansprucht, Politik(er), Pfaffen, Bankiers. Ein schwermütiger Leichtfuß, ein sprachgewaltiger Beschwörer der Tatsache, dass alles – mindestens – noch ein zweites Gesicht hat und es »Wahrheit« als solche nicht gibt.
Hinrich Schmidt-Henkel übersetzt aus dem Französischen, Norwegischen und Italienischen ins Deutsche. Zuletzt erschien in seiner Übersetzung Tomas Espedals Wider die Kunst, Jean Echonoz’ Die Caprice der Königin und Raymond Queneaus Stilübungen (gemeinsam mit Frank Heibert; siehe unten). Er ist aktueller Träger des Eugen-Helmlé-Übersetzerpreises.

Bettina Boeck

Man muss gar nicht an die Wichtigkeit von Dostojewskis Büchern glauben, um die von Svetlana Geier angefertigten Übersetzungen als absolut treffend zu erkennen. Die vorgestellten Figuren spielen natürlich eine Rolle. Wenn zum Beispiel Arkadij Dolgoruki von der Adelspension spricht, oder seine Spielsucht mit seinem Geldverlust zusammenprallt. Fjodor Dostojewskis Ein grüner Junge (Fischer Klassik 2013) präsentiert Charaktere, keinen Plot. Aber wenn Svetlana Geier einen Satz auflöst, der vom Leser eindeutig als Musik erkannt werden muss, wird die Sache richtig interessant. Wie soll einer denn einem Buch widerstehen, durch dessen Übersetzung er die eigene Sprache neu gelernt? Hier wird kein Lesekonsum, sondern Leserkreativität erwartet. Und natürlich eröffnet Ein grüner Junge die Möglichkeit, dass ein Leser im Moment des Gefesseltseins dieses Angebot übersieht, aber hinterher ist sie wieder präsent, und dann heißt es: ich will das genauer wissen. Und ich hätte ein poetisches Dostojewski-Geier-Dictionary anlegen müssen.
Bettina Böck übersetzt aus dem Englischen, zuletzt Susan Wittig Alberts Duft des Todes. Aktuell arbeitet sie unter dem Arbeitstitel Henry, NoBall & Nike an einer eigenen Flaneur-Twitter-Story.

Nicolai von Schwedter-Schreiner

Steve Tesichs Abspann (S. Fischer 1999) ist die Geschichte eines Skriptflickers, der Drehbücher umschreibt, um ihnen zum Erfolg zu verhelfen, und der darunter leidet, trotz Unmengen von Alkohol nicht mehr betrunken zu werden. Das Verhältnis zu seiner Ex-Frau sorgt für atemberaubende Dialoge. Außerdem hat er einen Adoptivsohn, der seine Nähe sucht, die er ihm aber nicht geben kann. Schön klug und zynisch erzählt, hat Alice-Munro-Übersetzerin Heidi Zerning diesen Roman gut ins Deutsche übersetzt. Die innere Zerissenheit des Erzählers wird stilistisch toll aufgegriffen, aber lesen Sie selbst: »George Bush hatte eine Geliebte. Dan Quayle war schwul. Eine der bedrückendsten Begleiterscheinungen meiner Unfähigkeit, betrunken zu werden, war, dass ich diesen globalen Dorftratsch nicht nur nüchtern mit anhörte, sondern dass ich mich am nächsten Tag daran erinnern würde. Gedächtnisverlust machte eines der wahren Vergnügen aus, betrunken zu sein, und als ich noch in meinem alten gesunden Ich steckte und jeden Abend volltrunken war, erwachte ich am nächsten Morgen erfrischt und ohne jede Erinnerung an den Abend vorher.«
Nicolai von Schwedter-Schreiner übersetzt aus dem Englischen und Portugiesischen. Zuletzt hat er Chigozie Obiomas Der Dunkle Fluss, Jennifer Clements Gebete für die Vermissten sowie Daniel Galeras Flut übersetzt.

Elke Link

Von einem »Plot« ließe sich in diesem Buch kaum reden – daher ist mein Tipp vielleicht nicht die klassische Sommer-Sonne-Strand-Lektüre – oder vielleicht gerade deshalb? Raymond Queneaus Stilübungen, in der hervorragenden Übersetzung (samt Erweiterung) von Frank Heibert und Hinrich Schmidt-Henkel, ist Sprachspielspaß pur. In Vorwegnahme des späteren Oulipo-Anarchismus verwandelt  Queneau bereits in den Vierzigerjahren eine banale Begebenheit – Paris, ein junger Mann mit Hut gerät in eine Rempelei im Bus, vor einem Bahnhof wird er erneut gesehen, er bekommt einen Rat bezüglich eines Knopfes – zum Ausgangspunkt für eine Vielzahl von Sprachspielen, in denen er diese Begegnung unter bestimmten stilistischen Vorgaben (z.B. schwülstig, Litotes, Sonett, mathematisch …) neu erzählt. Die Übertragung dieser halsbrecherischen Tour de Force ins Deutsche wird von den beiden Übersetzern mit Bravour und für die Leser spürbarer Freude gemeistert. Im klugen Nachwort liefern sie noch den historischen und literarischen Kontext. Nicht nur für Reisen nach Frankreich zu empfehlen.
Elke Link übersetzt aus dem Englischen. Zuletzt hat sie Lisa Sees Roman Tochter des Glücks, Amy Tans Das Kurtisanenhaus und Luana Lewis Roman Lügenmädchen ins Deutsche übertragen. Im Herbst erscheint in ihrer Übersetzung Kathleen Winters Roman Eisgesang

Ulrich Blumenbach

Oben auf meinem Bücherstapel für den Urlaub liegt Willa Cathers Meine Antonia aus dem Jahr 1918 in der Neuübersetzung von Stefanie Kremer (Klaus 2008, btb 2012). Willa Cather, die 1923 den Pulitzer-Preis erhielt, war mir – bis auf einen flüchtigen Blick in Der Tod bittet den Erzbischof – bislang entgangen. Dann fiel mir bei einem Freund Meine Antonia in die Hand, ich hab reingeschmökert, und der Anfang des Romans (weiter bin ich damals nicht gekommen) ist geradezu eine Liebeserklärung an die Weiten der Prärie von Nebraska. Die Titelfigur ist laut Klappentext eine „jener starken, mutigen Frauen, die das Herzland Amerikas urbar gemacht haben“. Dazu kann ich nichts sagen, der Urlaub hat ja noch nicht angefangen. Aber man lasse doch nur dieses Prosagedicht von der ersten Seite auf sich wirken: »Während der Zug die endlosen Meilen reifen Weizens durchschnitt, vorbei an ländlichen Städtchen, leuchtend bunt blühenden Wiesen und kleinen Eichenwäldern, deren Laub in der Sonne welkte, saßen wir im Panoramawagen; das Holz fühlte sich heiß an, und alles war dick mit rotem Staub überzogen. Der Staub und die Hitze, der sengende Wind, all das ließ viele Erinnerungen in uns wach werden. Wir sprachen darüber, wie es ist, seine Kindheit in solchen kleinen Städtchen zu verbringen, begraben unter Weizen und Mais, in stetem Kampf gegen die Kapriolen des Wetters: in den glühend heißen Sommern, wenn das Land grün und wogend unter einem strahlend blauen Himmel liegt, wenn die üppige Pflanzenwelt einen schier erstickt mit den Farben und Gerüchen des wuchernden Unkrauts und der reichen Ernten; in den stürmischen, schneearmen Wintern, wenn das ganze Land grau und kahl gefegt ist wie Eisenblech.«
Ulrich Blumenbach übersetzt aus dem Englischen. Zuletzt erschien in seiner Übersetzung Truman Capotes Wo die Welt anfängt, Joshua Cohens Vier Nachrichten und Jonathan Lethems Der Garten der Dissidenten. Für seine Übersetzung von David Foster Wallace Infinite Jest (Unendlicher Spaß) erhielt er den Preis der Leipziger Buchmesse.

Donnerstag, 21. Juli 2016

Tips on starting your business

With the next class of newly state-certified translators and interpreters ready to go out into the "real world" next week, I thought a little help on the way into setting up one's business might be appreciated. I found these tips on how to get started over on business know-how and thought I'd share them here, even if they are not specifically for translators/interpreters:

32 Low-Cost Ways to Promote Your Business 

Starting a business on a shoestring? Looking for ways to stretch your small business marketing budget? Here are 32 low-cost, high-impact methods to advertise and promote your business.

What's the best way to promote your business? How can you advertise your business and get your name in front of potential prospects when money is tight or you're just starting up? How can you get the word out about your business in the most affordable way?
Promoting a business is an ongoing challenge for small businesses. Whether you're just starting out or have been in business for years, these proven marketing strategies will help your business find new customers without spending a fortune.

  1. Plan your attack. Define who your best prospects are, and then determine the best way to reach them. Be as specific as possible. Is the decision maker the CTO of the company, the director of human resources, or a 37-year-old working mom? Will you find them on Twitter, Google Plus, Pinterest or Facebook? What about in-person networking at local business meetings? Will they be searching for your type of product on Google or Bing? Do you want to start promoting your business to them at the start of their buying cycle, or when they're about ready to pull out their credit card and make the purchase.  Write your answers down, and refer to them before you start any new marketing tactic. Use this marketing plan worksheet to gather your information.
  2. If you don't have a website, get one set up. If you can't afford to have someone custom-design your website, put your site up using one of the companies like SiteSell.com or HomeStead.com that provide templates and tools that make it easy to create a basic website.
  3. Set up a listing for your business in search engine local directories. Google and Bing both offer a free listing for local businesses.To get listed on Google, go to Google My Business.  To get listed on Bing, go to Bing Places for Business. Yahoo charges for local listings, but you get listed on a lot more than Yahoo if you buy their service. The service, called Yahoo Localworks, costs $29.99 a month and lists you in 50 directories including Yahoo Local, Yelp, WhitePages, Bing, Mapquest and more. The benefit of paying: You have a single location to enter your data to make it consistent and available on multiple online directories that your customers might search to find what you sell.
  4. Set your business profile or page up on LinkedIn, Facebook, Google Plus and Twitter. Be sure your business profile includes a good description, keywords and a link to your website. Look for groups or conversations that talk about your type of products or services and participate in the conversations, but don't spam them with constant promos for what you sell.
  5. If you're just starting out and don't have a business card and business stationery, have them made up -- immediately. Your business card, letterhead and envelope tell prospective customers you are a professional who takes your business seriously. Be sure to list your website address on your business card and, letterhead and any handouts you create.
  6. Sign up for an email service, and send an email newsletter and/or promotional offers to customers and prospects for your business. Be sure you ask for permission to send email before putting any person's email name on your list. One good way to build a permission-based email list of people who want your mailings is to give something away. It could be a free ebook, or even a free tip-sheet on how to do something related to your business.   If you're a health coach, for instance, you might offer people who sign up for your free newsletter a tip sheet with "10 Easy Ways To Lose Weight Without Going on a Diet."  An email service like Constant Contact* makes it easy to manage your list and send professional-looking mailings.
  7. Get your business cards into the hand of anyone who can help you in your search for new clients. Call your friends and relatives and tell them you have started a business. Visit them and leave a small stack of business cards to hand out to their friends.
  8. Talk to all the vendors from whom you buy products or services. Give them your business card, and ask if they can use your products or service, or if they know anyone who can. If they have bulletin boards where business cards are displayed (printers often do, and so do some supermarkets, hairdressers, etc.), ask if yours can be added to the board.
  9. Attend meetings of professional groups, and groups such as the Chamber of Commerce, Rotary Club, or civic associations. Have business cards in a pocket where they are easily reachable. Don't forget to ask what the people you speak with do, and to really listen to them. They'll be flattered by your interest, and better remember you because of it.
  10. Pay for membership in those groups that attract your target customers.If the group has a website and publishes a list members on the site, make sure your name and website link get added. Once it is added double check to be sure your contact information is correct and your website link isn't broken.
  11. Become actively involved in 2 or 3 of these groups. That will give you more opportunity to meet possible prospects. But remember: opportunists are quickly spotted for what they are, and get little business. While you won't want to become involved in many organizations that require a lot of your time in, you can --and should-- make real contributions to all of them by offering useful ideas and helping with projects when possible.
  12. Look for something unusual about what you do, and publicize it. Send out press releases to local newspapers, radio stations, cable TV stations, magazines whose audiences are likely to be interested in buying what you sell. Be sure to post the press releases on one or more online press release services, too, being sure to include links to your website. To increase your chance of having the material published, send along a photo (but not to radio stations) with your press release. Editors of printed publications are often in need of "art" (drawings or photos) to fill space and break up the gray look of a page of text.
  13. Write an article that demonstrates your expertise in your field. Send it to noncompeting newspapers, magazines, and websites in your field that accept submissions from experts. Be sure your name, business name, phone number, and a reference to your product or service is included at the end of the article. If the editor can use the article you get your name in print, and possibly get your contact information printed for free, too.
  14. Publicize your publicity. Whenever you do get publicity, get permission from the publisher to reprint the article containing the publicity. Make photocopies and mail the copies out with sales letters or any other literature you use to market your product or service. The publicity clips lend credibility to the claims you make for your products or services.
  15. Ask for work or leads. Contact nonprofit organizations, schools and colleges, and even other businesses that have customers who may need your services.
  16. Network with others who are doing the same type of work you are. Let them know you are available to handle their work overloads. (But don't try to steal their customers. Word will get out, and will ruin your business reputation.)
  17. Offer to be a speaker. Industry conferences, volunteer organizations, libraries, and local business groups often need speakers for meetings. You'll benefit from the name recognition, contacts and publicity you gain from being a speaker at these events.
  18. If your product or service is appropriate, give demonstrations of it to whatever groups or individuals might be interested. Or, teach others how to use some tool you use in your work.
  19. Put videos of your product or service on YouTube and other video-sharing and slide-sharing sites.
  20. Find out what federal, state, and local government programs are in existence to help you get started in business. Most offer free business counseling, and some can put you in touch with government agencies and large corporations that buy from small and woman-owned businesses
  21. If you are a woman-owned or minority-owned business look into getting certified by private, state or federal organizations. Many purchasing agents have quotas or guide for the amount of goods and services they need to buy from minority- and woman-owned businesses.
  22. Send out sales letters to everyone you think might be able to use what you sell. Be sure to describe your business in terms of how it can help the prospect. Learn to drop a business card in every letter you send out. Follow up periodically with postcard mailings.
  23. If you use a car or truck in your business have your business name and contact information professionally painted on the side of the vehicle. That way your means of transportation becomes a vehicle for advertising your business. If you don't want the business name painted on the vehicle, consider using magnetic signs.
  24. Get on the telephone and make "cold calls." These are calls to people who you would like to do business with. Briefly describe what you do and ask for an appointment to talk to them about ways you can help them meet a need or solve a problem.
  25. Get samples of your product or your work into as many hands as possible.
  26. Offer a free, no obligation consultation to people you think could use your services. During such consultations offer some practical suggestions or ideas--and before you leave ask for an "order" to implement the ideas.
  27. Learn to ask for referrals. Ask existing customers, prospects and casual acquaintances. When you get them, follow up on the leads.
  28. Use other people to sell your product or service. Instead of (or in addition to) selling your products yourself, look for affiliates, resellers or people who will generate leads for you in return for a commission on sales. Be sure your pricing structure allows for the fees or commissions you will have to pay on any sales that are made.
  29. Get together with businesses who serve the same market, but sell different products and services. Make arrangements to pass leads back and forth, or share mailings.
  30. Have sales letters, flyers and other pertinent information printed and ready to go. Ask prospects who seem reluctant to buy from you: "Would you like me to send information?" Follow up promptly with a note and a letter that says, "Here is the information you asked me to send
  31. Run a contest. Make the prize something desirable and related to your business -- it could be a free gift basket of your products, for instance, or free services.
  32. Test buying Pay Per Click (PPC) advertising on the search engines. If you are not yet advertising on search engines search for offers that give you $50 or $75 in free advertising to start. Read the directions for the service you plan to use, and very carefully watch what you spend on a daily or more frequent basis until you are comfortable using PPC ads and see you are getting a return on your investment.
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*Business Know-How is a Solution Provider and Authorized Local Expert for Constant Contact

About the author:
Janet Attard is the founder of the award-winning  Business Know-How small business web site and information resource. Janet is also the author of The Home Office And Small Business Answer Book and of Business Know-How: An Operational Guide For Home-Based and Micro-Sized Businesses with Limited Budgets.  Follow Janet on Twitter at http://www.twitter.com/JanetAttard

Dienstag, 12. Juli 2016

Aktuelle Übersetzungsproblematik

Heute steht in der SZ ein sehr interessanter Kommentar zum Thema Übersetzen - und dessen Schwierigkeit bei den aktuellen Vorkommnissen (hier musste ich auch schon lange überlegen, wie ich das schreibe, ohne dass es allzu banal klingt?!) in den USA.
Jeder Übersetzer hat sich sicher schon mit ähnlichen Problemen konfrontiert gesehen - schön, dass es mal "von außen" so gut auf den Punkt gebracht wird:

Ein "shooting" ist keine "Schießerei"

Aber wie soll man sonst über den Angriff in Dallas berichten? Warum Gewalttaten in USA sich so schwer übersetzen lassen.
Von Jörg Häntzschel
Angesichts der Gewalt in den USA versagt beim deutschen Beobachter nicht nur die Vorstellungskraft, sondern auch die Sprache. Mit "Schießerei" lässt sich ein shooting wie das von Dallas jedenfalls nicht übersetzen. Schießerei, das klingt nach Clint Eastwood, wiehernden Pferden und splitternden Whiskeyflaschen, nach Desperados, die nichts zu verlieren haben - einem shootout.
Doch die schlimmste Seite der amerikanischen Waffengewalt, das sind die shootings jenseits von Hollywood, ausgeführt von Leuten, die kühl vorgehen und oft auf Wehrlose zielen. Und während "Schießerei" eher eine Situation beschreibt, die außer Kontrolle gerät, ist das Skandalöse an den police shootings ja gerade, dass von einer Eskalation, die den Waffengebrauch rechtfertigen würde, oft keine Rede sein kann.
Auch für den shooter fehlt ein Wort. Der "Schütze" ist Mitglied im Trachtenverein. Er trägt eine Armbrust, keine halbautomatische Waffe. Selbst als "Scharfschütze" kommt er, verglichen mit dem sniper, folkloristisch daher. Er tötet übrigens immer im offiziellen Auftrag. Dass die Schießkünste eines Killers an die der staatlich ausgebildeten Scharfschützen heranreichen, ist im Deutschen nicht vorgesehen.
Nicht einmal für das transitive Verb to shoot gibt es ein Äquivalent. Im Englischen bleibt erst mal offen, was genau die Kugel angerichtet hat. Sie hat das Opfer getroffen, Blut fließt - das zählt. Im Deutschen hingegen muss man, um den Vorgang überhaupt beschreiben zu können, noch bevor der Pulverdampf verzogen ist, klären, ob das Opfer erschossen oder "nur" angeschossen wurde. Deshalb behelfen sich deutsche Synchronisierungen englischsprachiger Filmen gern mit Euphemismen wie "Ich hab' ihn erwischt", wenn es im Original "I shot him" heißt.
Besonders bizarr ist der "Amoklauf", mit dem man bis vor kurzem immer die school shootings übersetzte. Damit lassen sich die Tatmotive in eine so unzugängliche Zone der Täterpsyche verlegen, dass sich die Suche nach rationalen Erklärungen eigentlich erübrigt. In den USA spricht man in solchen Fällen auch von mass shootings und mass killings, doch "Massentötung" ist uns so unheimlich, dass wir sie allenfalls für die Opfer der Massentierhaltung verwenden. Und "Massenmord"? Darin waren wir Deutschen mal sehr gut. Wir wollen das Wort am liebsten gar nicht mehr verwenden.